Zwei Vormittage, elf Kinder und Jugendliche, zwei Trickfilm-Boxen – und am Ende ein fertiger Film. An der Mittelschule an der Feldbergstraße in München haben unsere Trainerinnen Ivona und Kathrin einen Stop-Motion-Workshop gegeben. Was dabei entstanden ist, war mehr als ein Trickfilm.
Tag 1: Erst spielen, dann erzählen
Dienstagmorgen, 8:30 Uhr. Elf Schüler*innen sitzen im Raum, die Arme verschränkt, der Blick eher auf den eigenen Schuhen als auf den beiden Frauen vorne. Die Jüngsten gehen in die 5. Klasse, die Ältesten in die 10. Und jetzt sollen sie zusammen einen Trickfilm machen? In zwei Tagen? Spoiler: Ja. Und nicht nur das.
Bevor auch nur ein Stift aufs Papier kam, ging es ums Kennenlernen. Welche Serien schaut ihr? Welche Comics, Bücher, Lieblingsfiguren? Schnell war klar: An Fantasie mangelt es hier niemandem.
Dann wurde es körperlich. Bei Aufwärmspielen wie „Billy Billy Bop“ und „Ich bin ein Baum“ entstanden aus Bildern kleine Geschichten und aus Geschichten kurze Szenen. Zugegeben: Manche fanden das anfangs ziemlich „cringe“. Dazu später mehr.
Anschließend ging es ans Handwerk des Erzählens:
Was braucht eine gute Geschichte? Eine Hauptfigur, einen Konflikt, ein dramatisches Ereignis, eine Wendung und eine Veränderung.
Wie hängt das alles zusammen? Mit einer einfachen Formel: „Es war einmal … und dann … bis eines Tages … und seitdem …“
Und woher kommen die Ideen? Aus dem Würfelbecher. Ein Würfelspiel mit Motiven lieferte die Zutaten.
In zwei Gruppen entstanden drei Geschichten. Abgestimmt wurde demokratisch, und der Gewinner hieß: „Alibabas bizarres Abenteuer“. Noch am selben Tag bereiteten Ivona und Kathrin den Text auf, damit es am nächsten Morgen direkt losgehen konnte.
Tag 2: Zeichnen, knipsen, einsprechen
Die ersten zwei Stunden gehörten den Stiften. Figuren, Hintergründe, Requisiten: Alles, was Alibaba für sein Abenteuer brauchte, wurde von Hand gezeichnet. Die Aufgaben wurden nach Interessen verteilt, und wer besonders Feuer gefangen hatte, übernahm gleich noch ein paar Extras.
Dann kamen die zwei Trickfilm-Boxen zum Einsatz. Bild für Bild wurden die Zeichnungen fotografiert und zum Leben erweckt. Parallel ging es in einem Nebenraum um die Stimmen. Während Kathrin an der Animation weiterarbeitete, nahm Ivona jeweils mit zwei Kindern die Sprachaufnahmen auf. In Ruhe, ohne Publikum, ohne Druck.
Das war kein Zufall, sondern Absicht. Nicht alle stehen gern im Mittelpunkt. Ein Teilnehmer entschied sich gleich gegen die Aufnahme, ein anderer merkte während des Versuchs, dass er seine Stimme lieber nicht im Film hören wollte. Beides war völlig in Ordnung. Und dann passierte etwas Schönes: Andere Kinder, die anfangs gezögert hatten, trauten sich doch. Sie machten ihre Sache richtig gut und sprangen sogar für fremde Textpassagen ein.
Der eigentliche Plot Twist
Die spannendste Verwandlung fand allerdings nicht im Film statt, sondern im Raum. Am ersten Morgen: Stille. Verschränkte Arme, eingezogene Schultern, Blicke, die sagten „Bitte nicht mich“.
Im Lauf des ersten Tages taute die Gruppe auf. Es wurde gelacht, mitgemacht, eigene Ideen kamen auf den Tisch. Die Körper wurden lockerer, die Stimmen lauter. Und am zweiten Tag arbeiteten die Kinder so selbstverständlich miteinander, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie halfen sich gegenseitig, ohne dass jemand darum bitten musste.
Ivona bringt es auf den Punkt: Es fühlte sich an, als kenne man die Gruppe schon viel länger als zwei Tage. Genau das ist es, was Improvisation kann. Mit Spiel, gemeinsamem kreativem Arbeiten und einer wertschätzenden Atmosphäre entsteht Vertrauen. Und zwar schneller, als man denkt.
Was die Kinder sagen
Im Abschlussgespräch wurde ehrlich Bilanz gezogen: Einige Kinder wollten mehr Aufwärmspiele. Ja, genau: mehr „Billy Billy Bop“. So viel zum Thema „cringe“. Die Älteren hätten gern tiefer in die Technik eingetaucht und sich an komplexere Geschichten gewagt. Alle zusammen hatten richtig Spaß und fragten schon, wann sie ihren Film sehen können.
Bei einer Altersspanne von der 5. bis zur 10. Klasse sind unterschiedliche Wünsche kein Wunder. Für uns sind sie wertvolle Hinweise für künftige Workshops.
Premiere im Eiltempo
Und der Film? Die Kinder hatten erzählt, dass am Freitag in der Schule über die Projektwoche gesprochen wird. Für Ivona war klar: Bis dahin muss Alibaba fertig sein. Also hat sie den Film noch am selben Tag geschnitten und fertiggestellt. Wenn das kein Einsatz ist.
Danke an Ivona und Kathrin für zwei Tage voller Kreativität, Geduld und Fingerspitzengefühl. Und danke an die elf Filmemacher*innen der Mittelschule an der Feldbergstraße, die bewiesen haben: Aus „cringe“ kann ganz schnell Kino werden.

