In der Klasse 5/6b wird gerade gelauscht, geraschelt und geknarzt. Unsere Trainer*innen Asisa und Adrian entwickeln mit den Kindern ein eigenes Hörspiel, vom ersten Erzählimpuls bis zur fertigen Tonspur.
Augen zu. Regen prasselt gegen ein Fenster. Irgendwo klickt ein Türschloss, Schritte entfernen sich, erst links, dann rechts, dann gar nicht mehr. Und plötzlich steckt man mitten in einer Geschichte, ohne ein einziges Bild gesehen zu haben. Genau das passiert gerade in der Klasse 5/6b am Sonderpädagogischen Förderzentrum Süd in München. Impro-Trainerin Asisa und Impro-Trainer Adrian, unser Mann für Technik und Hörspiel, haben mit den Schüler*innen ein Projekt gestartet, in dem die Ohren die Hauptrolle spielen. Und die Kinder sind mit Feuereifer dabei.
Erst erzählen, dann spielen, dann vertonen
Das Projekt verbindet Storytelling und Theaterübungen mit Technik und Hörspiel. Das Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll:
- Erzählen: Die Kinder erfinden Geschichten. Ihre eigenen, mit ihren Figuren, Orten und Wendungen.
- Spielen: Mit Methoden aus dem Improtheater werden die Geschichten lebendig. Wer spricht wie? Wer steht wo?
- Vertonen: Dann kommt das Mikrofon ins Spiel, und aus Szenen werden Hörszenen.
Schritt für Schritt wächst dabei beides: das Gespür fürs Erzählen und das technische Handwerk. Und die Kinder dürfen experimentieren, was das Zeug hält. Fragen, die in der Klasse auftauchen: Wie erzeugen wir Spannung, wenn niemand etwas sieht? Wie hört es sich an, wenn jemand von einer Seite zur anderen geht? Wie funktioniert eigentlich ein Mikrofon? Wie klingt Regen? Wie ein Sturm? Und wie ein Türschloss, das gerade geknackt wird? Über allem steht die wichtigste Frage: Was wollt ihr erzählen?
Forschen statt Vorlesen
Tempo und perfekte Aussprache sind hier ausdrücklich Nebensache. Im Mittelpunkt stehen Genauigkeit und Forschergeist. Die Kinder werden zu Klangdetektiv*innen und tüfteln an Fragen, für die es kein Lösungsheft gibt.
Wie klingt „enttäuscht sein“? Wie klingt es, wenn jemand an einem See in Istanbul Steine ins Wasser wirft? Wer darauf eine Antwort sucht, muss genau hinhören. Auf die Welt, auf sich selbst und auf die anderen.

Feinschliff am Laptop. Eine Schülerin der 5/6b bearbeitet gemeinsam mit Trainer Adrian die ersten Aufnahmen.
Aufnahme läuft – und alle hören zu
Der absolute Lieblingsmoment der Klasse? Wenn die frisch aufgenommene Szene sofort abgespielt wird. Was eben noch eine Idee im Kopf war, kommt plötzlich aus dem Lautsprecher. Das sorgt jedes Mal für leuchtende Augen und gelegentlich für Gekicher, wenn die eigene Stimme ganz anders klingt als gedacht.
Das Schöne daran: Auch stille und schüchterne Kinder finden ihren Platz. Nicht alle müssen ins Rampenlicht. Wer lieber das Gewitter macht, die Tür knarzen lässt oder am Laptop die Spuren schneidet, gehört genauso zur Geschichte.
Und ganz nebenbei passiert noch etwas anderes. Die Kinder erschaffen gemeinsam Atmosphären, sie verfremden Geräusche, bis aus ganz alltäglichen Klängen etwas völlig Neues wird. Vor allem aber lernen sie, einander zuzuhören. Eine Fähigkeit, die im Schulalltag oft zu kurz kommt und im Leben umso mehr gebraucht wird.
Fortsetzung folgt
Wir sind schon sehr gespannt, welche Geschichten am Ende aus den Lautsprechern kommen. Eines können wir jetzt schon verraten: Leise wird es nicht. Danke an Asisa und Adrian für ihre Ohren, ihre Geduld und ihre Begeisterung, und an die 5/6b für jede Menge Mut zum Ausprobieren!

