Was tun, wenn die ganze Klasse aus dem Ruder läuft? Wenn ein Kind ausrastet, ein anderes weint und die nächste Hand am Handy klebt? Wenn der Stundenplan plötzlich nichts mehr mit dem zu tun hat, was im Raum passiert? Genau hier setzt unser Seminar an der LMU München an: „Kritische Situationen im Klassenzimmer souverän meistern“.
Mit dem Start des Sommersemesters sind wir gemeinsam mit Dr. Barbara Meyer (LMU), Tina Schmiedel (Künstlerische Leitung) und Karin Ertl (Projektmanagement) in eine intensive Arbeit eingestiegen – mit Lehramtsstudierenden, die sich genau die eine Frage stellen: Wie bleibe ich handlungsfähig, wenn es schwierig wird?

Ein Satz, der alles trägt
Ein Gedanke zieht sich durch das gesamte Seminar:
In kritischen Situationen greifen wir nicht auf das zurück, was wir wissen, sondern auf das, was wir geübt haben.
Das ist keine Floskel, sondern Trainingsphilosophie. Genau deshalb arbeiten wir mit der Methode der angewandten Improvisation – nicht als „Theaterspielen“, sondern als Trainingsraum für genau die Momente, in denen rein kognitive Strategien an ihre Grenzen kommen.

Wo stehe ich eigentlich? – Der ehrliche Start
Bevor es um Methoden geht, geht es um die eigene Position. Was kann ich schon? Welche Muster habe ich, wenn es brenzlig wird? Welche „Reaktionszonen“ laufen bei mir automatisch ab? Diese erste Phase ist bewusst langsam und sortierend – und sie ist anstrengend. Aber: Nur wer die eigenen Muster kennt, kann sie auch verändern.
Safe Space – nicht als Schlagwort, sondern als Voraussetzung
Am zweiten Tag einigen wir uns gemeinsam darauf, dass hier ausprobiert werden darf. Mit Unsicherheit. Mit Verletzlichkeit. Mit dem Risiko, sich verletzlich zu zeigen. Klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Wer schon einmal in einer Gruppe stand und „einfach mal etwas spielen“ sollte, kennt diese innere Hürde. Erst wenn sie sichtbar wird, kann sie sinken.
Unterricht ist körperliche Arbeit
Lehrkräfte arbeiten nicht nur mit Wissen. Sie arbeiten mit Stimme, Präsenz, Atem, Blickkontakt, Reaktion. Sie stehen vorne, treffen Entscheidungen in Echtzeit – und müssen dabei oft auch noch souverän wirken. Das lässt sich nicht aus einem Lehrbuch lernen. Aber es lässt sich üben.
In den Stimmübungen unseres Trainigs wird es plötzlich hörbar: Die Gruppe wird präsenter, klarer, gegenwärtiger. Die Stimme – eines der wichtigsten Werkzeuge im Klassenzimmer – wird erstaunlich selten bewusst trainiert. Hier holen wir das nach.
Die Kunst des Sortierens
Einer der wichtigsten Lerninhalte ist gleichzeitig der unscheinbarste: kurz innehalten. Ein Atemzug. Ein Schluck Wasser. Ein bewusster Moment, bevor reagiert wird. Der Gedanke dahinter:
Ich muss nicht sofort reagieren. Ich darf mir einen Moment nehmen.
Was banal klingt, ist im Schulalltag eine kleine Revolution. Denn viele kritische Situationen eskalieren genau deshalb, weil zu schnell reagiert wird.
Future Skills – konkret und praktisch
Kommunikation. Zusammenarbeit. Kreatives Problemlösen. Drei Fähigkeiten, die alle lernen sollen – und die nirgendwo so unmittelbar trainiert werden können wie in der Improvisation. Im Spiel wird sichtbar: Wer hört wirklich zu? Wer reagiert flexibel? Wer kann eine Idee aufnehmen, statt sie sofort zu korrigieren?
Für Lehrkräfte sind diese Fähigkeiten Alltag. Für Schüler*innen sind sie Zukunft. Und für beide gilt: Sie wachsen nicht durch Wissen, sondern durch Erfahrung.
Was die Studierenden sagen
Das Seminar wird im Anschluss offiziell evaluiert – und die Rückmeldungen sind eine schöne Bestätigung dessen, wofür wir antreten: Gesamtnote 1,5. Alle Studierenden würden das Seminar weiterempfehlen. Alle empfanden das Anforderungsniveau als „genau richtig“. Mehrere Aspekte – Begeisterung der Dozentin, anschauliche Beispiele aus der Praxis, Offenheit für Gestaltungsvorschläge – wurden ausnahmslos mit der Bestnote bewertet.
Aber wir lesen nicht nur Zahlen. Wir lesen, was zwischen den Zeilen steht: Studierende beschreiben die Atmosphäre als „entspannt, fast familiär“. Sie betonen, wie wertvoll der direkte Austausch mit den Impro-Trainerinnen für sie war – und wünschen sich ausdrücklich, dass das so bleibt. Sie schätzen den Praxisbezug zum echten Schulalltag und das bewusste Verlassen der Komfortzone. Und eine Rückmeldung trifft den Kern besonders gut: Durch das Seminar konnten sie das System Schule und den Beruf Lehrkraft „mit anderen Augen sehen“.
Genau dafür machen wir das. Wenn angehende Lehrkräfte den Klassenraum nicht nur denken, sondern fühlen, üben und reflektieren – dann gestalten sie später genau jene Räume, in denen Schüler*innen wachsen dürfen.

Was sich verändert
Am Ende steht weder eine perfekte Strategie noch ein fertiger Werkzeugkasten. Was bleibt, ist etwas anderes: mehr Bewusstsein für die eigenen Reaktionen. Mehr Handlungsspielraum in schwierigen Momenten. Mehr Vertrauen darauf, dass in einem Moment ein Weg entsteht.
Genau das ist, was wir mit Impro macht Schule erreichen wollen – an Schulen, in Klassen und in der Lehrkräftebildung. Wir freuen uns sehr, dass wir an der LMU München daran arbeiten dürfen.
Und ja: Wir sind darauf auch ziemlich stolz. Denn was hier an der Universität passiert, kommt am Ende dort an, wo es wirklich zählt – im Klassenzimmer.
